They have the best intentions. But are governments killing startup ecosystems?

Gastbeitrag von Maria Hertleif
Vor ein paar Wochen gestaltete ich beim Pirate Summit gemeinsam mit Johannes Velling vom Wirtschaftsministerium NRW eine Camp Fire Diskussion. Wir entschieden uns für ein Diskussionsthema, mit dem sich wahrscheinlich schon jeder mal beschäftigt hat, der in irgendeiner Form mit Startup- oder Gründerförderung zu tun hat.

Hinter dem zugespitzten Titel „They have the best intentions. But are governments killing startup ecosystems?“ steht die Frage: Hat das, was wir tun – tausende Veranstaltungen, Accelerator-Programme, Förderinstrumente, Digital Hubs, Gründerstipendien und Co. – überhaupt irgendeinen positiven Einfluss auf die Entwicklung von Startup-Ökosystemen in Deutschland? Oder fördern wir etwa nur die Entstehung von Startup Zombies – also Startups die eigentlich schon ein „Dead End“ erreicht haben, sich aber mit Förderprogrammen und Co. künstlich über Wasser halten?

Für- und Gegenbeispiele gibt es genügend: Wohl kein anderes Land hat sich mehr als Estland als Vorreiter für digitale Gründungen und E-Government hervorgetan. Das Resultat dieser Strategie: Bis heute vier Einhörner bei nur 1,3 Mio. Einwohnern. Das Land Berlin hat sich demgegenüber zumindest in der Anfangsphase zurückgehalten und Startups mit komplizierten Unternehmensanmeldungsprozessen eher Steine in den Weg gelegt als besondere Unterstützung zu liefern. Gründern war das egal und die Stadt hat sich nichtsdestotrotz zum unbestrittenen Startup-Hotspot in Deutschland entwickelt. Sollte man also der Devise „Gute Gründer schaffen es überall“ folgen und sich einfach darauf verlassen, dass sich harte Arbeit und privates Engagement ohnehin durchsetzen? Die Antwort der Camp Fire Teilnehmer lautete „nein“. Sie waren sich einig, dass „Governments“ schon dabei sein sollten – irgendwie.

Über das „irgendwie“ wurde jedoch leidenschaftlich diskutiert. An welcher Stelle sollten “Governments“ – und damit meine ich sowohl Regierungen im wörtlichen Sinne als auch regionale und lokale Verwaltungen, Wirtschaftsförderungen und Mischkonstrukte, wie der digihub, Aufgaben übernehmen? Welche Aufgaben werden von anderen Akteuren viel besser erledigt? Wo werden sie gebraucht? Hier sind die Top 5 aus unserer Diskussion:

  1. Transparenz über bestehende Angebote schaffen: Selbst ich habe nach drei Jahren digihub noch nicht ansatzweise den vollständigen Überblick über alle Angebote für Startups und Gründer in NRW, geschweige denn in Deutschland oder EU-weit. Natürlich kann jeder Gründer selbst recherchieren. Aber sehr viel effizienter verliefe der Prozess mithilfe einer zentralen Anlaufstelle – digital oder analog – die Gründern einen Überblick über Supporter und Fördermöglichkeiten bietet. Hier haben wir mit accelerate.nrw bereits einen Anfang gemacht. Gründer und Gründungsinteressierte lernen dort alle Acceleratorprogramme aus NRW kennen.

  2. Die Lücke zwischen Acceleration und Investment schließen: Eine wichtige Rolle spielt die Förderung nach Absolvierung eines Accelerator-Programms. Die allermeisten Startups sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der Lage, sich über Umsätze zu finanzieren oder substanzielle Investments zu bekommen. Für private Investoren ist ein Investment zu diesem Zeitpunkt meist unattraktiv. Diese Lücke kann aktuell nur mit staatlichen Anreizen für Business Angels und andere Privatinvestoren sowie öffentlichen Geldern geschlossen werden.

  3. Plattformen kreieren: Ein funktionierendes Ökosystem lebt von Plattformen, die Startups miteinander sowie mit Kunden und Investoren vernetzen. Funktionierende Ökosysteme leben dabei nicht von digitalen Datenbankfriedhöfen, sondern von Veranstaltungen und physischen Treffpunkten. Bitte nicht noch eine Veranstaltung! Doch: Dort, wo diese Treffpunkte noch fehlen, sollten öffentliche Unterstützer einschreiten und die notwendige Anschubfinanzierung leisten. Damit diese Plattformen nicht zur Verschwendung von Steuergeldern werden, gilt: „Go down to the ground“. Erst wenn ihr Teil des Ökosystems seid, könnt ihr verstehen, welche Vernetzungsangebote fehlen und Sinn machen.

  4. Internationalität ins Ökosystem bringen: Erfolgreiche Startup-Ökosysteme sind nicht nur lokal, sondern auch international vernetzt. Denn: mit Kontakten zu Gründern und Startup-Mitarbeitern aus anderen Teilen der Welt fällt einem die Internationalisierung und Expansion viel einfacher. Politik, Wirtschaftsförderungen und Co. sollten es deshalb einfacher und attraktiver für internationale Startups machen, auch in Deutschland Fuß zu fassen. Ideen sind z.B. die Einrichtung eines „Single Point of Contact“ sowie Austausch- und Förderprogramme für nationale und internationale Startups.

  5. Unternehmerische Ausbildung in Schulen etablieren: Unternehmerisches Denken spielte bis auf das Sparkassen Planspiel überhaupt keine Rolle in meiner schulischen Laufbahn. In den letzten 15 Jahren hat sich meines Wissens hier nicht viel geändert. Nicht Jeder ist zum Unternehmer geboren. Aber es braucht Vorbilder, um als junger Mensch überhaupt auf die Idee zu kommen, dass die eigene Gründung eine Alternative zur unbefristeten Festanstellung darstellt. Politik und öffentliche Initiativen müssen unternehmerisches Handeln bereits im Lehrplan etablieren und Unternehmer als Rollenvorbilder in Schulen bringen. Über Startup-Job- und Praktikumsbörsen können sie niedrigschwellige Angebote für den Einstieg ins Startup schaffen.

Mitarbeiter von Ministerien oder Wirtschaftsförderungen sind aufgrund ihres eigenen Karriereweges wohl nicht die allererste Wahl als Ratgeber, wenn es um den Aufbau eines eigenen Unternehmens geht. Aber sie werden dort gebraucht, wo sich der Privatsektor aus wirtschaftlichen Gründen nicht engagiert oder wo es in ihren generischen Aufgabenbereich fällt – etwa im Bildungssystem die richtigen Leitlinien für die Zukunft zu setzen. Ganz wichtig: Dafür müssen sie selbst Teil des Startup-Ökosystems werden. Nur so verstehen sie, wo bürokratische Hindernisse die Entwicklung hemmen und wo „Governments“ wertstiftende Unterstützung liefern.