Das Handy, das mit dem Kind mitwächst

Kinder und Smartphones – auch wer keine Kinder hat weiß, dass das eine schwierige Kombination ist. Wir lesen in den Medien von besorgten Eltern, die befürchten, dass ihre Kinder Gewaltvideos schauen, von genervten Lehrern, die einen Prozess riskieren, wenn sie ihren Schülern das Handy abnehmen, von Online-Mobbing und Internet-Sucht. Gleichzeitig sehen wir in den Bussen und Bahnen (wenn wir selbst mal vom Smartphone hochschauen) Zehnjährige, die nur noch auf das Handydisplay starren.

Es muss etwas passieren, dass vor allem die Jüngsten risikofrei den Umgang mit dem Internet und dem Smartphone erlernen können. Und zum Glück tut es das auch: Das Startup „PAIDIMO“ hat sich dem Thema angenommen. Gründerin Ines Kristina Bartelheimer hat an der letzten Ignition-Runde teilgenommen. Im Interview erzählt sie von ihrer Idee, den Learnings aus dem Ignition-Programm und davon, wie das ideale Smartphone für ein Kind aussieht.

1. Wie erklärst du deinen Großeltern, was ihr macht?
Liebe Oma, lieber Opa,
vor nicht allzu langer Zeit haben wir euch den PC Zuhause neu eingerichtet und das olle Telefon gegen ein Smartphone ausgetauscht. Ihr habt schnell die Vorteile zu schätzen gelernt. Aber die anfängliche Scheu, etwas Falsches anzuklicken und damit Kosten zu verursachen, hat sich noch nicht vollständig gelegt.
Kinder haben naturgemäß diese Angst noch nicht, warum sollten sie auch? Das ist gut auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite bedürfen sie dadurch mehr Schutz. Eltern suchen zudem immer nach geeigneten Apps für ihr Kind. Diese Suche gestaltet sich aber nicht immer einfach, da wirklich gute Apps oft nicht über so ein immenses Marketingkonzept verfügen. Die Top-1-App im Store kann sich schnell als Fehlkauf entpuppen. Wir möchten daher zum einen Kindern den positiven Umgang mit einem Smartphone ermöglichen und zum anderen Eltern lange Suchen und Unsicherheiten ersparen. Daher haben wir Paidimo (griechisch: Mein Kind) zum Leben erweckt.

2. Wie ist die Idee entstanden?
Der finale Anstoß war an Ostern letzten Jahres. Wir saßen alle am Tisch und kamen auf das Thema „Kind: Smartphone – ja oder nein“. Grund war, dass die 8-jährige Nichte meines Mannes (der IT-ler im Team) mal den ein oder anderen kurzen Weg hier in Düsseldorf alleine gehen und sich aber melden können soll, wenn etwas ist. Viele Möglichkeiten wurden besprochen und meist wieder verworfen.
Wie vermutlich jedem ist auch uns in den letzten Jahren aufgefallen, dass Kinder schnell eine Affinität zu Smartphone und Co. entwickeln und diese selbst in ganz jungen Jahren schon grob intuitiv bedienen. Eltern geben ihre eigenen Handys kurzzeitig ihrem Kind zur Beschäftigung, zum Beispiel im Restaurant, Flugzeug oder auf längeren Autofahrten. Sie können dabei aber nie ganz abschalten, denn die Angst, dass das Kind aus Versehen Mails an den Chef schickt oder für Mütter oder Väter personalisierte Amazon-Werbung angezeigt bekommt, ist nicht ganz unberechtigt.

3. Wie sieht das erste Smartphone eines Kindes im Idealfall aus?
Nicht wie ein Kindersmartphone ;) Je nach Alter des Kindes wollen sie doch mit den Großen mithalten – auch in Bezug auf Technik. Das Smartphone, das aussieht wie das von Mama oder Papa, ist viel cooler als das nach wenigen Wochen wieder aus der Mode gekommene Glitzerhandy mit großen Ohren. Um Eltern soweit es geht Kosten zu ersparen, kann Paidimo auf einem abgelegten Smartphone installiert werden. Es muss also kein neues Handy gekauft werden.

Bei den inneren Werten eines geeigneten Smartphones gibt es Einiges zu beachten. Der normale Funktionsumfang ist am Anfang definitiv zu viel. Daher sind einige Einschränkungen notwendig. Wichtig ist jedoch, dass diese mit der Zeit und mit dem Heranwachsen des Kindes abgebaut werden. Wir wollen Eltern und Kinder im Dialog halten. Wichtig ist, dass Eltern und Kinder darüber reden und sich austauschen. Ein Einstieg dazu ist der mit unseren Pädagogen entwickelte Mediennutzungsvertrag. Wir halten nichts davon, einfach eine Sperr-/Kontroll-App zu installieren und sich zurückzulehnen, in dem Glauben, dass man jetzt auf der sicheren Seite ist. Zum einen lernt das Kind damit nicht den richtigen Umgang mit dem Medium, zum anderen ist die Sicherheit solcher Apps meist ein Trugschluss.

Sobald das Kind lesen und schreiben kann, sind Aspekte der Medienkompetenz wichtig. Diese liefern wir. Aber bitte nicht langweilig in ellenlangen Texten oder langweiligen Online-Videos. Die lesen bzw. gucken ja schon Erwachsene nicht gerne. Für diese Inhalte haben wir Medienpädagogen und Referenten im Team, alle samt hier aus Düsseldorf.

4. Wer weiß mehr, wenn es um Digitales geht – Kinder oder Eltern?
Das kommt ganz drauf an. In den vielen Gesprächen und unserer Befragung auf unserer Homepage erzählen Eltern oft, dass sie den App-Trends im Klassenzimmer meist hinterherhecheln. Snapchat war sicherlich einer dieser Trends. Eltern reagieren dann oft nur noch, statt vorab agieren zu können. Es kommt aber auch auf das Alter von Kindern und Eltern an. Seit zehn Jahren gibt es jetzt das iPhone. Eltern, deren Kinder noch sehr jung sind, werden sicherlich anders empfinden, als Eltern, die quasi zeitgleich mit ihrem Kind in die digitale Welt eingetaucht sind.

5. Was war das für dich Wichtigste und das Überraschendste, was du im Ignition-Programm gelernt hast?
Wo fange ich an ;) Die letzten Monate waren sicherlich mit die spannendsten in meinem Leben. Die Möglichkeit, aus einer bloßen Idee ein Startup zu gründen, ist etwas ganz Wundervolles. Das mussten wir uns aber immer mal wieder sagen, wenn wir drohten in der Tiefe aus dem Streben nach Perfektion, Anträgen, Rahmenbedingungen und öffentlichen Auftritten den Fokus zu verlieren.
Menschen, insbesondere Eltern, denen es um das Beste für Ihre Kinder geht, zu erreichen und zu helfen, ist so eine Profunde Erfahrung und Ehre, dass es (bei aller Angst vor Fehlern) eine Freude ist, sich Wochenenden und Nächte um die Ohren zu schlagen, um Paidimo zu entwickeln.

6. Wie ist der Stand der Dinge?
Die Entwicklung der App ist sehr gut vorangekommen. Wir beenden bald den Beta-Test und dann kommt sie auf dem Markt. Im redaktionellen Teil erarbeiten wir weiter viel Content für Kinder und Eltern. Unsere Eltern-Befragung werten wir zurzeit aus, um auch maßgeschneiderte Inhalte zu liefern.

7. Was sind die nächsten Schritte?
Nach erfolgreichem Beta-Test wollen der Werbetrommel rühren. Wir haben hier viele Ideen wie ein kostenloses Meetup, bei denen Eltern und Kinder in lockerer Atmosphäre Input für den medienkompetenten Umgang erhalten und sich offline austauschen können. Online werden wir natürlich auch Einiges unternehmen. Außerdem wollen wir auch noch eine iOS-Version liefern.

8. Was ist der langfristige Plan für Paidimo?
Paidimo beschäftigt sich immer mit zwei zentralen Fragen: Was wollen Eltern für ihre Kinder in Bezug auf Smartphone und Digitalisierung und zweitens, wie können wir Eltern dabei mit unserer Experten-Redaktion unterstützen. Dafür werden wir stets eng mit Eltern und deren Kindern zusammenarbeiten. Der Anfang ist mit unserer Befragung auf der Paidimo Homepage gemacht. Hier machen erstaunlich viele mit und liefern wertvollen Input, den es dann gilt umzusetzen, wenn es zu Paidimo und unseren Ansprüchen passt.
All jene, die bisher mit uns an Paidimo gearbeitet haben, kommen aus Düsseldorf oder der näheren Umgebung (Köln zwinker). Den Gedanken daran finde ich schön. Große Unternehmen sourcen meist aus Kostengründen aus. Wenn wir es schaffen, mit Paidimo später trotz eines digitalen Produktes zuverlässig Arbeitnehmer aus Deutschland zu beschäftigen, würde mich das unfassbar stolz machen.

9. Was sind bisher die größten Herausforderungen gewesen?
Gerade zu Beginn des Programms prasselten Infos, Neuigkeiten und kurzfristig einzuhaltende Fristen auf uns ein. Das alles neben den Jobs und der Arbeit am Startup im Auge zu behalten, war eine Herausforderung. Eine scheinbar nie versiegende Quelle an Ideen, wie man das „Produkt“ noch besser machen kann, ohne überhaupt richtig losgelegt zu haben, war auch eine Herausforderung. ;)
Ebenso ist es herausfordernd, als Greenhorn plötzlich auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen, Ausschreibungen und Stellenanzeigen zu machen und die richtigen Menschen zu finden, mit denen man gut und produktiv zusammenarbeiten kann und möchte. Da hat uns aber auch mal der Zufall geholfen. Summarum ist das aber Klagen auf hohem Niveau und eine wirkliche Hürde war bisher keine dabei, Gott sei Dank!

10. Was war der schönste Moment für dich in der Gründungszeit?
Die bisher schönsten Momente waren die, in denen wir im direkten Kontakt mit Interessierten über Paidimo reden konnten und gemerkt haben, wie positiv das Feedback ist. Auch die hohe Zahl der Teilnehmer an der Befragung zeigt uns, wie wichtig das Thema „Kind und Smartphone“ und wie groß der Bedarf an einer alltagsorientierten Lösung ist. Und natürlich jeder einzelne Entwicklungsschritt, den man sich im Team erarbeitet.

11. Hast du Tipps für andere Gründer?
Wir stecken ja selbst noch in den Kinderschuhen, aber rückblickend (auf die Anfangszeit des Ignition-Programms) betrachtet:

  • Fragen stellen, um Hilfe bitten und bloß nicht zu flach atmen. ;)
  • Das Pitchen vor Publikum hat mir sogar irgendwann Spaß gemacht.
  • Bewerbt euch mit eurer Idee bei Programmen wie Ignition.
  • Ohne die finanzielle und – nicht weniger wichtig – mentale Unterstützung des digihubs bzw. des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie wären wir jetzt nicht so weit.
  • Aber verschafft euch auch einen Überblick über die vielen Angebote. Nicht jedes ist zu jedem Zeitpunkt nützlich oder bringt euch in dem Umfang weiter, wie es Zeit und Nerven gekostet hat.
  • Ach ja, und vernetzt euch mit anderen Startups (plötzlich scheint man nicht mehr die Einzige zu sein, die da etwas nicht sofort versteht – das ist gut fürs Ego ;) ) aber verlasst die Startup-Welt auch und „geht“ zum Nutzer eurer Idee. Denn für sie wollen wir ja Lösungen entwickeln und einen Mehrwert schaffen.

12. Wie gefällt dir die Startup-Szene in Düsseldorf und was würdest du dir noch wünschen?
Ohne groß vergleichen zu können: Ich bin mehr als dankbar, in meiner Geburts-und Heimatstadt an unserer Idee arbeiten zu dürfen. Kurze Wege, tolle Infrastruktur. Austausch und Hilfsbereitschaft auch seitens der Stadt Düsseldorf sind enorm.

Hier findest du noch mehr Infos über die App und das Team.

Mehr zum Ignition-Programm findest du hier.