Die Startup-Szene aus Corporate-Sicht

Fabian Kienbaum, Chief Empowerment Officer der Kienbaum Consultants International GmbH, spricht im Interview über die Zusammenarbeit von Startups und mittelständischen Unternehmen sowie die Herausforderungen der Digitalisierung.

1. Könntest du dich bitte selbst kurz vorstellen: Wer bist du und was machst du?
Fabian Kienbaum, 34 Jahre alt, glücklich verheiratet. Vor 1,5 Jahren habe ich unser Unternehmen von meinem Vater übernommen und führe nun in dritter Generation mit einem wunderbaren Team gemeinsam die Geschäfte des ersten Beratungshauses Deutschlands, welches mein Großvater als 26-jähriger unmittelbar nach Kriegsende 1945 in Gummersbach gegründet hat und was mittlerweile in Köln beheimatet ist. Seit meinem Einstieg vor etwa fünf Jahren habe ich mich insbesondere der kulturellen Weiterentwicklung unseres Unternehmens verschrieben, ein Investmentvehikel ins Leben gerufen, mit dem Kienbaum in HR Tech Start-Ups investiert und gesamthaft viele digitale Themen nach vorne getrieben. In meinem anderen Leben war ich vor meinem Studium passionierter Handballspieler mit u.a. einigen Einsätzen in der Handball-Bundesliga für den VfL Gummersbach.

2. Was macht Kienbaum genau?
Wir sind ein Beratungshaus, das sich mit Zukunftsfähigkeit befasst, konkret mit Führung, Veränderung, Befähigung und Beschleunigung für Menschen und Organisationen. Wir sind damit in Geschäftsfeldern namens Executive Search, Human Capital Services sowie Change- und Organisations-Beratung aktiv. Kienbaum ist heute mit 27 Büros in 14 Ländern vertreten.

3. Was sind deine persönlichen Ziele und woher kommt deine Motivation?
Ich war Leistungssportler und bin davon getrieben, im Team, zu gewinnen – immer. Nicht zuletzt deshalb haben wir im Rahmen unseres Kulturprozesses das Thema Empowerment als wesentlichen Pfeiler unserer Führungsphilosophie identifiziert. In der Folge verstehe ich meine Rolle als Chief Empowerment Officer und habe dies auch zu meinem offiziellen Titel gemacht. Wir wollen Potenzialentfaltung großschreiben und uns Co-Kreativität widmen. Dabei möchten wir hin zu einem Umfeld, das von einer Subjektkultur und damit von Führungskräften geprägt ist, die andere um sich herum besser machen wollen. Gelingt dies, werden wir in unserem Wettbewerbsumfeld überlegen agieren können – und unsere Mitstreiter ausboten.

4. Inwieweit verändert das Thema Digitalisierung das Beratungsgeschäft und Kienbaum als Unternehmen? Welche Projekte macht ihr im Bereich der Digitalisierung?
Ganz grundsätzlich: Digitalisierung erhöht den Druck Ergebnisse zu liefern, egal in welchem Geschäftsfeld, weil die Transparenz zunimmt und damit die Anspruchshaltung der Kunden in Bezug auf Qualität und Geschwindigkeit berechtigterweise gestiegen ist. Insofern müssen wir selbst noch agiler arbeiten lernen, um uns schneller, effektiver und effizienter zu bewegen. Technologie ist in unserer datengetriebenen Welt aber kein Substitut für unsere Dienstleistungen, sondern lediglich ein komplementäres Gut. Wir sind dabei unsere Beratungsleistungen um digitale Lösungen intelligent anzureichern und machen gute Fortschritte. Diskretion und Datenschutz gebieten, dass wir in unserer Rolle dabei sehr behutsam vorgehen, weil wir i.d.R. mit personenbezogenen Daten arbeiten. Wir profitieren hier von der Expertise unserer Vergütungsexperten, die seit jeher einen intensiven Umgang mit Daten pflegen. Aktuell sind wir dabei diese Intelligenz auf andere Bereiche auszuweiten, wie z.B. automatisiertes CV-Screening, digital durchgeführte und ausgewertete Assessment Center oder digitales Coaching. Daneben gibt es natürlich viele spannende Entwicklungen, wie Facial oder Voice Recognition Instrumente, die wir beobachten und fortlaufend auf ihren Einsatz überprüfen. Insgesamt hilft uns unser Beteiligungsvehikel im HR Tech Bereich sehr, weil wir über den Deal Flow gut erkennen können, wohin die Reise geht.

5. Was sind die größten Herausforderungen für den Mittelstand in NRW?
Die größte Herausforderung stellt die zunehmende Geschwindigkeit von Veränderungen dar, wodurch eine belastbare Planung zunehmend schwieriger wird. Gleichzeitig sehen sich Unternehmen zu hohen Investitionen in Ausbildung und Technologie gezwungen. Meine tiefe Überzeugung ist, dass die digitale Transformation primär eine soziale ist, sodann eine technologische. Technologie ist immer Mittel zum Zweck. Man kann die schönste digitale Infrastruktur aufweisen; es hilft alles nichts, wenn die Mitarbeiter nicht das richtige Mindset, Skillset und Toolset mitbringen, sprich Haltung, Fähigkeiten und Werkzeuge, um sich in der digitalen Welt sicher zu bewegen.

6. Welche Berührungspunkte habt ihr mit Startups?
Wir setzen u.a. auf strategische Beteiligungen – und zwar in Form von neuen Plattformen wie dem Mitarbeiter-Empfehlungs-Portal Firstbird, der Reverse-Recruiting-Plattform 4Scotty, oder Capital Heads, einer digitalen Personalberatung für Berufseinsteiger und Young Professionals. Ziel ist es, die eigenen Prozesse zu optimieren und vom Know-how zu profitieren sowie gleichzeitig unseren Kunden andere Lösungen zugänglich zu machen. Unser erfolgreichstes Start-up Capital Heads stammt übrigens aus NRW.

7. Was können Startups von mittelständischen Unternehmen lernen und umgekehrt?
Geschwindigkeit, disruptives Denken und schnelle Entwicklungszyklen von Produkten sind wesentliche Punkte, die Unternehmen von Startups lernen können. Auch moderne, agile Arbeitsmethoden sowie kurze und schnelle Kommunikationswege sind häufig der Erfolgshebel von Startups. Viele Unternehmen mit einem hohen Reifegrad sind dagegen exzellent aufgestellt und verstehen es bestens effiziente Strukturen und Prozesse fortlaufend zu optimieren. Sie büßen dabei aber ebenso häufig Geschwindigkeit in Entscheidungsprozessen und damit insgesamt Agilität ein. Es kann eine win-win Situation entstehen, wenn die o.g. Punkte nicht mit Wertigkeit verbunden werden. Viele etablierte Unternehmen müssen nämlich genau beide Welten beidhändig zu steuern wissen. Der Fachterminus hierfür lautet organisationale Ambidextrie. Konkret: wie können sie das Bestandsgeschäft fortlaufend optimieren und gleichzeitig ein Neugeschäft mit anderen Parametern etablieren.

8. Ihr unterstützt das "Creative Entrepreneurship - Das Ecosystem Networking Dinner" im Rahmen des Digital Demo Day 2019. Wie kam es zu dieser Kooperation mit dem digihub und Creative Hive? Warum ist das für euch wichtig?
Wir glauben an die Kraft von Gemeinschaften und Netzwerken. Mit Creative Hive hat sich ein Netzwerk in der Stadt und darüber hinaus etabliert, das Querdenker und Macher vereint. Uns freut es, sich mit diesen unterschiedlichen Köpfen und Organisationen in den Austausch begeben zu können.

9. Beim Digital Demo Day stellen mehr als 100 Tech-Startups aus dem gesamten Bundesgebiet und Partnerländern ihre neuesten Innovationen vor. Wie beurteilst du die Startup-Szene in Düsseldorf?
Ich nehme die Szene als sehr heterogen und inspirierend wahr. Noch dazu haben die Stadt-Startups bewiesen, dass sie nicht nur Ideen haben, sondern diese auch zu erfolgreichen Unternehmen auf- und ausbauen.
Trivago oder Boxine sind nur zwei bekannte Beispiele. Noch dazu geben Institutionen wie der digihub jungen Gründern und Erfindern einen tollen Raum, ihre eigenen Potenziale zu entfalten. Das ist nicht nur für Düsseldorf, sondern für das gesamte Rheinland ein großer Gewinn.

10. Hast du zum Schluss noch Tipps für Gründer?
Mal abseits der klugen Idee, den nötigen Drive und eine ordentliche Portion Frustrationstoleranz zu besitzen, die ein Unternehmer-Leben immer prägen, ist mein Tipp: Stellt euch als Team so divers bzw. heterogen wie möglich auf. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn i.d.R. umgibt man sich ja mit Menschen, die einem ähneln. Das kann aber dazu führen, dass man zu ähnlich agiert und sich tendenziell in den Ansichten bestätigt, anstatt sich immer wieder hart zu challengen. Genau das braucht es aber für den Fortschritt.

Mehr über Kienbaum findet ihr hier.